Freitag, 4. März 2016
Ein neues Heim
"Hier vorne gleich rechts, oder nicht? Haben die alle kein Zuhause? Der Feierabendverkehr macht mich verrückt. Ausgerechnet zur Stoßzeit. Ich sage dir: Zu Fuß wären wir schneller gewesen. Mir war es viel lieber als du noch bei mir gewohnt hast."

Er schaut zum Beifahrersitz.

"Lach nicht mein Schatz. Ist doch so."

Ungewollt presst sich ein Lachen zwischen seinen Lippen hervor.

"Tut mir leid, lach ruhig. Ich rege mich doch immer umsonst auf. Du kennst das mittlerweile ja von mir. Mittlerweile ist gut nicht wahr? Nach 6 Jahren. Du weißt doch dass ich dein neues Zuhause nicht besonders mag. Aber weißt du wieso ich mich damals in dich verliebt habe? Genau, wegen Tinky und Winky."

Zuerst hatte es sie irritiert, dass er ihren Brüsten Namen gab, mit der Zeit hatte sie sich daran gewöhnt, bis sie aus irgendeinem Grund anfing es zu mögen.

"Haha, ich hab' dich drangekriegt! Jetzt mal im Ernst."

Er schaut zu seiner Rechten.

"Es war dein Lachen. Dein Zuckersüßes Lachen. Wie deine Augen dabei verschwinden und zu tiefbraunen Halbmonden werden. Haha und deine Grimassen.Genau. Streck mir nicht die Zunge raus, hörst du!"

Nachdenklich schaut er nach vorne.

"Es fehlt mir so sehr Morgens neben dir aufzuwachen. Du weißt doch, dass ich morgens nie aus dem Bett komme. Ich habe schon fünf Mal verschlafen, obwohl du erst seit 6 Wochen weg bist. Der Huwald hat mich vielleicht zur Sau gemacht. Der olle Glatzkopf."

Wieder schaut er zum Sitz neben sich. Er seufzt.

"Ja, ja, ich weiß, ich weiß. Alles hat mal ein Ende, hast du gesagt. Aber hey, ich bin immer noch hier, oder nicht? Dann fahren wir halt zu dir. Dann komme ich dich halt besuchen. Hast du nun davon. Vielleicht hat es ja auch etwas Gutes.Dann muss ich wenigstens nicht immer aufräumen und sauber machen, damit sich die feine Dame wohlfühlt."

Er zwinkert mit dem rechten Auge und schickt einen Luftkuss auf die Reise.

"Und schau mal, wie fein ich mich gemacht habe. Extra für dich. Das Hemd hast du doch damals ausgesucht, weil es dir so an mir gefiel. Selbst meinen Bart habe ich mir für dich abrasiert. Ich sah aus wie ein verwegener Gangster aus den 30ern. Haha, lach nicht, selbst du kannst das nicht leugnen!"

Er fährt sich mit der Hand über die glatten Wangen.

"Ich könnte mich so aufregen. Wo wollen die denn alle hin? Wären wir gelaufen, wären wir schon drei Mal da. Hey, entschuldige. Du weißt dass ich mich ja insgeheim doch freue, dass wir zu dir fahren, auch wenn ich das niemals zugeben würde. Geduld ist eine Tugend, oder wie war das noch gleich?"

Verlegen schaut er nach unten und wiegt den Kopf leicht hin und her.

"Ich habe dir Sonnenblumen gekauft. Schließlich wollen wir dir dein neues Zuhause ja schön einrichten, nicht wahr? Du liebst sie ja so sehr. Ich konnte das noch nie verstehen. Die sehen aus als wollten sie etwas beweisen. Oder die anderen Blumen einschüchtern, so groß sind die. Die klauen den anderen Blumen ihr Pausengeld und zwingen sie die Hausaufgaben für sich zu machen. Haha, schon gut reg dich ab ich mach doch nur Spaß."

Er schmunzelt.

"Und welcher Mensch mag ernsthaft Lakritz? Schmeckt wie Hustensaft und von den Resten, die an den Zähnen kleben bleiben, kannst du dich noch 3 Tage danach ernähren. Ich weiß, dass du es magst. Aber ich fragte welcher Mensch? Haha, lass dich doch mal ein bisschen ärgern, meine kleine Schmollbacke. Keine Angst ich hab dir eine Tüte gekauft. Aber am Ende isst du sie ja doch nicht."

Er trommelt mit den Fingern auf dem Lenkrad.

"Achja stimmt. Die bauen hier ja um. Kein Wunder dass man nicht voran kommt. Zig Wochen, bauen sie die Straße um, oder aus, oder eher ab, wie es mir manchmal vorkommt. Und am Ende sieht trotzdem alles aus wie vorher."

Eine Weile ist es still. Das Auto bahnt sich seinen Weg.

"Ich hab gehört, dass ein neuer Asiate in der Stadt aufgemacht hat. So ein Vietnamesen-Imbiss. Vielleicht wäre das ja mal was für zwischendurch? Haha, wie du weißt bin ich nicht der beste Koch."

Das Auto fährt auf einen Parkplatz. Es hält an.

" Na sieh mal einer an, sind wir etwa schon da?"

Freudig schaut er zum Sitz neben sich.

"Haha guck mal, wer sich da freut. Ja lach doch mal für mich, Süße. Haha ging doch ganz schnell. Ich weiß gar nicht wieso du dich die ganze Zeit so aufgeregt hast. Haha, Nein Spaß. Du weißt dass ich den Verkehr nicht ausstehen kann."

Er klatscht einmal in die Hände.

"Weißt du, irgendwie ist es hier ja doch ganz schön. Schließlich ist es ja dein neues Heim. Die Lage ist wirklich gut. Es ist echt ruhig hier. Mir gefällt die Ruhe. Die Ruhe, ja das muss es sein, die Ruhe. Die Ruhe..."

Das Lächeln schwindet langsam aus seinem Gesicht. Er blickt gedankenverloren nach vorne.

"Obwohl. Ich denke das stimmt nicht. Denn am meisten vermisse ich deine Stimme. Es fehlt mir dass du nicht mehr mit mir sprichst. Aber naja, wozu noch lange warten, jetzt da wir endlich angekommen sind? Dann wollen wir mal, nicht wahr?"

Seine Stimme bricht. Sein Kopf sinkt auf das Lenkrad. Er schließt die Augen. Er atmet tief ein. Er atmet tief aus. Er holt Luft. Seine Hand zittert leicht, als er nach rechts zum Beifahrersitz greift und von dort die Sonnenblumen und die Lakritztüte aufhebt. Er steigt aus dem Wagen. Er streicht sein Hemd glatt. Seine Augen füllen sich mit Tränen. Trotzdem schreitet er aufrecht und entschlossen durch das Friedhofstor.

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