Donnerstag, 3. März 2016
Amir und Samira (1)
Er war ein 13 Jahre alter Junge aus einfachen Verhältnissen und trotzdem konnte man von ihm nicht sagen, dass er dumm war. Die Schulen waren schon lange geschlossen, dennoch war er neugierig und wissenshungrig, mit einer manchmal vielleicht zu ausschweifenden Fantasie. Seine Kleidung war abgetragen und löchrig, Schuhe hatte er keine, was aber, bis auf die Mittagsstunden, in der die Sonne auf seine dunkle Haut hinabbrannte, für ihn kein wirkliches Problem darstellte. In seiner Stadt wunderte sich niemand über seine Erscheinung, denn zwischen den Bergen aus Schutt und Asche die die vielen Bomben hinterlassen hatten, gab es dutzende solcher Kinder. Er hatte die Welt stets mit anderen Augen gesehen. Für ihn war seine Umgebung ein einziges Abenteuer. Schlösser, Drachen und Hexen, Geschichten von großen Kriegern und noch größeren Triumphen. Er war aufgeschlossen, jedoch nicht naiv und trug ein großes Herz am rechten Fleck. Er kletterte durch die Ruinen, die für ihn Höhlen waren, in deren geheimen Seen unsagbar kostbare Schätze schlummerten. Er trieb sich lieber allein durch die Straßen, als mit den anderen Kindern Ball zu spielen, oder auch die letzten Fensterscheiben, aus verlassenen Häusern, oder besser gesagt aus dem, was davon übrig war, mit Steinen zu bewerfen. Seine Eltern hatten größere Sorgen und konnten sich nicht viel um ihn kümmern, denn es ging vor allem darum irgendwie zu überleben. Trotzdem half er zuhause wo er nur konnte. Er hatte keine Geschwister. Nicht mehr. Deshalb bürdeten ihm seine Eltern nicht allzu viele Aufgaben auf und achteten stets darauf, dass er genug Zeit für sich selbst fand und wenigstens in seinem Kopf aus diesem Schrecken der Wirklichkeit entfliehen konnte. Die meiste Zeit des Tages war er alleine. Immer, außer Abends.

Sie war ein 12 Jahre altes Mädchen, das ursprünglich aus gutem Hause kam und dessen Familie es an nichts mangelte. Sie trug schöne Kleider, was ihr nicht nur die Gunst, sondern auch den Neid vieler Kinder ihres Alters einbrachte. Sie lebten in einem großen Haus mit riesigem Grundstück, bis zu dem Tag an dem eine Splitterbombe ihr Heim zusammen mit ihren Zukunftsträumen und ihrer Hoffnung zermalmte. Alles war verloren, ihr Vater gefallen, so dass ihr Onkel das Familienoberhaupt übernahm. Sie hatte sich zusammen mit ihrer Mutter und ihren zwei kleinen Schwestern in einem einfachen Haus mit flachem Dach einquartiert und das Leben wurde hart, gefährlich und entbehrlich. Vom einen auf den anderen Tag wurde sie ihrer Kindheit beraubt und dazu gezwungen erwachsen zu werden. Meistens verbrachte sie ihre Tage damit Wasser zu holen, die Trümmer nach brauchbarem zu durchsuchen, zu betteln oder sich um ihre Geschwister zu kümmern. Sie beneidete die Kinder, die scheinbar sorglos durch die Straßen liefen und lachten und spielten. Die meiste Zeit des Tages fühlte sie sich einsam, wenn nicht gar verlassen. Immer, außer Abends.
Ergreife stets die Gelegenheit beim Schopfe, denn niemand weiß ob sie je zurückkehren wird. Das hatte ihm sein Großvater früher immer gesagt. Und so zögerte er nicht lange, als er eines Tages dieses Mädchen mit den flaschengrünen Augen und dem schwarzen Haar, zusammen mit einer gebückt gehenden, in sich gekehrten Frau und zwei weiteren kleinen Mädchen in das Haus nebenan einkehren sah. Beladen mit Bündeln und Säcken und einem Holzkarren, der aussah als würde er beim nächsten Windstoß auseinander brechen, zogen sie ein. Eigentlich ein eher trostloses Bild, dennoch war er sofort von dem Mädchen verzaubert, auch wenn sie ihn scheinbar gar nicht registrierte. Hinter ihnen ging ein Mann, ungefähr in der Mitte seines Lebens angekommen, das dunkle Haar mit grauen Tupfern durchzogen, genau wie sein kurzer borstiger Dreitagebart. Das muss wohl ihr Vater sein, dachte sich der Junge und ging zielstrebig auf ihn zu. So oft hatte er Drachen besiegt und Schlachten geschlagen, ein edler Prinz auf seinem Rosse. Und was ein echter Prinz ist, der will auch eine Prinzessin haben.

„Verzeihen Sie, Sayyidi.“
„Wir haben nichts Junge. Versuch dein Glück woanders.“
„Mein Name ist Amir und ich bitte sie hiermit förmlichst darum, um die Hand ihrer Tochter anhalten zu dürfen.“

Er ging auf die Knie und senkte den Kopf nach unten, die rechte Handfläche richtete er nach oben, als würde dort ein unsichtbarer Verlobungsring thronen.
Der Mann schaute ihn verdutzt an. Die sind ja noch bescheuerter hier als man sich erzählt, dachte er. Er blickte sich um, als würde er prüfen wollen ob jemand diese groteske Szene miterlebt hatte, aber nirgendwo regte sich etwas. Scheinbar ist das hier normal, dachte er, drehte sich um und ging ins Haus. Kurz bevor er drinnen war drehte er den Kopf leicht nach links, so dass er sehen konnte wie dieser seltsame Junge noch immer auf dem Boden kauerte.

„Sie ist meine Nichte.“ Sagte er und verschwand im Haus.

Die Nichte also. Die Nichte des edlen Grafen Graubart, dachte sich Amir. Keine Sorge, ich befreie dich aus deinem Verließ.

Was sich gar nicht als so leicht herausstellen sollte. Fortan verbrachte er seine Tage damit, an dem Fenster seines Hauses zu kauern, wie ein Wolf der auf der Jagd liegt, um Ausschau nach seiner angebeteten zu halten. Bald schon machten sich seine Eltern Sorgen um ihn.

„Glaubst du wir haben ihn falsch erzogen?“
„Ich sag dir du darfst ihm nicht immer nur Datteln zu essen geben“
„Er war doch immer so ein anständiger Junge?“
„Datteln sind Obst“
„Was sucht er denn bloß dort?“
„Und Obst gärt im Magen und wird zu Alkohol. Das verdreht dem Jungen jetzt den Kopf“
„Was gibt es denn da draußen? Bin ich eine schlechte Mutter?“
„Immer nur Datteln und Brot. Wann gibt es mal wieder Fleisch?“

Dennoch blieb er hartnäckig und machte dem Onkel der Prinzessin noch mindestens sieben weitere Heiratsanträge, bis dieser beschloss, nicht mehr mit dem Jungen zu reden.
Eines Tages, es war noch recht früh, schreckte Amir auf. Er war eingeschlafen, wurde aber glücklicherweise von dem quietschenden Geräusch, dass die Haustür der Nachbarn machte, geweckt. Das Geräusch kannte er mittlerweile sehr gut, leider hatte er bis jetzt noch nie das Glück gehabt, sein Mädchen daraufhin ein oder ausgehen zu sehen. Doch dieses Mal hatte sich das Warten gelohnt. Mit einem schweren Tonkrug in den Händen machte sie sich auf den Weg durch den Sand. Sofort verließ Amir das Elternhaus um ihr unauffällig zu folgen. So oft hatte er sich diesen Moment vorgestellt, so sehr darauf hin gefiebert. Doch leider hatte nie weiter gedacht als jetzt. Was soll ich überhaupt zu ihr sagen? Wie spricht man eigentlich ein Mädchen an? Um seine Beute zu erlegen, muss man sie erstmal zu Fall bringen, also hielt er es für eine gute Idee einen Stein auf das Mädchen zu werfen, der sie am Knöchel traf, ins Wanken brachte, und schließlich hinfallen ließ. Was bist du nur für ein Idiot, dachte sich Amir und versteckte sich hinter der nächsten Hauswand. Hoffentlich ist der Krug nicht kaputt, denn sonst bringt mich ihr Onkel um. Mist, dachte er sich, stieß sich von der Hauswand ab und lief zu dem am Boden liegenden, fluchenden Mädchen.

„Geht es dir gut?“
„Warst du das?“
„Was denn?“
„Hast du den Stein geworfen?“
„Welchen Stein?“
„Tu nicht so. Du bist der Einzige in der Nähe.“
„Ich gehe immer um 5 Uhr morgens spazieren und schaue ob in der Stadt alles in Ordnung ist. Eigentlich wollte ich dir nur zur Hilfe eilen.“
„Dann bist du also ein Held.“
Er reichte ihr seine Hand.
„Mein Name ist Amir“
„Samira.“ Sagte sie und wirkte etwas weniger grimmig.
„Ist dein Krug noch heile? Dein Onkel bringt mich sonst um.“

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