Mittwoch, 2. März 2016
Der Tropfen
Ein Regentropfen fällt hinab, fällt einsam, friert zu Schnee.
Kein andrer Tropfen fällt herab, allein auf seinem Weg.
Wenn er nur etwas greifen könnt', er findet keinen Halt.
Wenn das Schicksal es so wollt', nun gut es endet bald.
Lasst mich fallen, schaut nicht hin, zerschellt an einem Felsen
In Wüsten, Steinen oder Sand, soll ich dann schließlich enden.

Doch unverhofft ein warmes Licht, es trägt den Namen Sonne.
Und taut den kleinen Tropfen auf, die Kälte weicht der Wonne.
Vorbei an Blumen, Wäldern, Wiesen, Weiden geht er seinen Weg.
Ist das das Ende seines Leidens? Noch immer fällt er stet.

Der Aufprall kommt, kommt weich, er lebt. Tausend Hände die er hält.
Und wird ein Teil des größten,schönsten, mächtigsten der Welt.
Endlich angekommen. Heimat. Leicht und unbeschwert
Schlägt er glücklich seine Augen auf. Und sieht zum ersten Mal das Meer.

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Ein letzter Tanz
Ein letzter Tanz. Wie eine Feder, leicht, schwebend, getragen vom Wind, den der Eine im Anderen entfacht. Aufsteigend, in höchste Sphären, in warmen Bahnen, ein Augenblick des Triumphes, der Vollkommenheit, der Einheit. Momente des sinnlichen Alleinseins, nicht der Einsamkeit, sondern des Miteinanders, ein Versteck inmitten der Massen des großen Tanzsaals, der alles andere, und alle anderen auszublenden scheint, bis auf dieses eine Paar, die so selbstverständlich und so untrennbar zueinander gehören, dass es jeder weiß, auch, oder gerade dann, wenn man ihnen zuvor noch nie begegnet ist. Ein letzter Tanz, bevor der Regen kommt. Bis ihre Körper in leichten Spiralen wieder hinabsinken, gleitend, nicht fallend, sanft, zurück auf den Boden zu den anderen Tanzpaaren, zurück ins Hier und Jetzt. Blicke sagen so viel mehr als Worte und derer bedarf es in solchen Momenten am aller wenigsten. Sie ist eine junge Frau, mit schwarzen Haaren. Sie trägt ein rotes, enganliegendes Kleid, die Haare hochgesteckt, die schönste Kette die sie besitzt umschmeichelt ihren Hals. Sie hat eine Blume im Haar.
Und auch ich habe versucht mich diesem Anblick anzupassen, aber das schönste an mir ist und bleibt die Frau an meiner Seite, die Frau mit den dunklen Haaren und dem Feuer in den Augen. Die Frau die mich als erstes geküsst hat und dies auch als letzte tun wird. Die Frau die ich einst vor den Altar führte und die unseren beiden Kindern das Leben schenkte.
Der Takt schlägt donnernd, ausschweifend, ergießt sich in Feuerwerken, doch folgen wir nicht ihm sondern er folgt uns, ihr Narren. In Gedanken muss ich lachen, weil ich mich natürlich nicht über die Anderen stelle, aber dies hier, dies alles, gehört nur mir und ihr. Und ihr alle, die ihr das nicht habt, tut mir leid.
Das Gefühl von meiner Hand auf ihrem Körper, die Blicke, die Vorahnung auf das, was auf solche Abende noch folgen mag, lässt uns geistig so sehr miteinander verschmelzen und sich unsere Seelen so fest umschlingen, wie es auch der äußere Anschein wiedergibt.
Ein letzter Tanz, bevor die Flut kommt und mit ihren bahnbrechenden Wellen viele der Gäste in Champagner ertrinkt und fortspült hin zum Nichtigen. Dies ist das Leben, denn der Kopf ist stets im Augenblick, gefestigt im Jetzt und verweilt nicht im Vergangenen oder im noch Ungewissen, wie er es sonst nur allzu gerne tut. Nein, wahrlich, dies ist das Leben.
Und ich rieche die Tanzfläche, ich sehe unzählige andere Menschen, höre Musik, doch bekomme von alldem nichts mit Liebes, denn ich rieche nur dich und ich sehe nur dich und ich höre nur dich. Und auch wenn ich oft verschlossen und hart wirke, unnahbar so weißt du doch, dass dies die Momente sind in denen ich am lautesten rufe, dass ich dich liebe. So jung, so schön, so ehrlich. Ja, es ist wahr. Ich liebe dich.
Unsere Füße berühren nicht den Boden, eigentlich sind wir gar nicht hier, denn wir fliegen, wir schwimmen durch silberne Luftblasen. Wer könnte uns je besiegen? Wir sind eins.
Aber am Ende dann, und das weißt du, erzählt auch ein Lied, genau wie ein Tanz, bloß eine Geschichte. Es bleibt nicht ewig, es führt uns langsam ein, es begrüßt uns, bevor es anfängt mit uns loszulaufen, durch Wälder und Felder, ja, wegzulaufen, Felswände zu erklimmen, und das Meer zu besiegen, uns zu entführen. Und um uns gegen Ende wieder zu verdeutlichen, dass alles endlich ist, und das Leben, genau wie die Musik, ein ständiger Wandel, bis der letzte Ton verstummt und das letzte Paar nachhause geht.
So lässt der Tanz uns am Ende fallen, er lässt uns alleine und beraubt uns unserer Sinne, lässt uns fast schon Benommen zurück. Denn in diesen Augenblicken ist die Zeit des Erwachens gekommen, die Zeit des Aufstehens. Die Zeit des Sehens und der Wirklichkeit.
Und ich sehe mich in diesem Tanzsaal altern, genau wie ich dich älter werden sehe, älter aber auch schöner. Ich sehe wie sich Falten in mein Gesicht fressen, und in meine Hände, die dich so lange getragen haben. Ich sehe mein Haar ergrauen und ausfallen, ich sehe meine Schultern einsinken und meinen Bauch wachsen, ich sehe die Brille auf meiner Nase. Ich sehe wie alles wovon ich soeben erzählte verschwimmt und sich langsam in Schatten verwandelt und in leichtem Nebel verdunstet. Ich höre das Lachen und die Stimmen verhallen, in leisem Echo. Ich sehe wie Kronleuchter zu kalten UV-Lampen an den Decken werden, wie sich der Parkettboden in liebloses, kühles PVC verwandelt, wie Champagnergläser zu dem Tropf werden der gerade in deine Adern sticht. Ich sehe, dass der Takt des Orchesters sich langsam verändert, höher und schriller wird, und gar nicht vom Orchester kommt, denn dieses gibt es schon lange nicht mehr. Ich höre das langatmige, sporadische Piepen deines EKGs und ich sehe dass du deine Augen geschlossen hast. Ich sehe dass du nun bereit bist Abschied zu nehmen und ich will mich dir nicht verwehren, selbst wenn ich nicht weiß ob ich es auch bin. Wenn du mich doch nur hören könntest. Sag, kannst du mich hören, mein Blümchen?
Ich danke dir für alles, für 65 gemeinsame Jahre, für unsere beiden Kinder und unsere 5 Enkel die du nun leider nicht mehr weiter aufwachsen sehen wirst, die dich aber stets im Herzen tragen werden. Ich bedanke mich bei dir und bei Gott, dass du mich durch dieses Leben begleitet hast, dass in mir jedes Mal wenn ich dich sah die Sonne aufging, dass wir gerade in den schwersten Stunden zueinander gefunden haben, dass ich nie alleine war. Danke dass ich dich gefunden habe.
Ich weiß, dass es stimmt. Ich habe dir viel zu selten außerhalb dieser Hallen gezeigt wie viel du mir bedeutest. Meine Musik, warst und bist und bleibst für immer du, mein Schmetterling. Ich liebe dich und das weißt du. Danke für diesen aller letzten Tanz in Gedanken.
Sie dürfen die Maschinen nun abstellen.

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