Donnerstag, 10. März 2016
Der See
Es ist Winter. Ein alter Mann steht in einem Wald. Vor ihm ein gefrorener See. Er steht gebückt, klammert sich an seinen altmodischen Gehstock, putzt sich immer wieder die Nase an einem Stofftaschentuch. Immer wieder fällt sein Blick auf seine Uhr. Es ist eine goldene Taschenuhr mit Kette, wie man sie heutzutage nur noch selten sieht. Ein Relikt aus der Vergangenheit, dass es irgendwie in die Gegenwart geschafft hat und scheinbar seine eigene Zeit überlebte. Genau wie der Mann selbst. Immer und immer klappt er sie auf, schaut sich das Ziffernblatt an, klappt sie dann wieder zu, um sie behutsam in seiner Tasche zu verstauen. Seine Augen sind starr auf den See gerichtet, und doch schauen sie ins Leere, sie erfassen nichts. Sie schauen ohne wirklich zu sehen. Wie alte Fotos die man überfliegt, weil man auf der Suche nach dem einen Bestimmten ist, und alle anderen nicht mehr sind als Ausschuß. Am Ende findet man es doch nicht.
Trotzdem schweifen seine Augen nicht. Diese müden, mit Falten umrahmten Augen. Höchstens zu seiner Uhr. Alle paar Minuten. Stetig. Ruhig.
Er wirkt nicht traurig, und er wirkt nicht glücklich. Fast scheint es so als würde er auf etwas warten. Jemanden der ihn abholt, der Bus der gleich kommt, die Verabredung, auf die man sich zwar nicht freut, aber vor der man sich auch nicht länger drücken kann.
Welch seltsame Kulisse. Welch seltsames Bild. Wozu das Ganze?
Dies fragt sich auch der junge Mann, dessen Wohnhaus an den Waldrand grenzt. Das Wohnzimmerfenster gibt den Blick preis auf diese Szenarie. Seit Tagen geht das nun schon so.
Erst hatte es ihn nicht weiter interessiert, doch die Regelmäßigkeit die der Auftritt des Mannes mit sich brachte machte ihn aufmerksam. Deshalb beschließt er den Mann anzusprechen.

"Was tun Sie hier jeden Tag?"
"Ich möchte schwimmen."
"Auf Eis?"
"Oder Enten füttern."
"Der See ist gefroren."
"Enten fand ich schon immer schön."
"Es ist Winter."
"Ich warte."
"Worauf warten Sie?"
"Früher war ich oft hier."
"Ich habe Sie noch nie gesehen."
"Als meine Frau noch lebte."
"Ich verstehe."
"Tust du nicht."

Seine Hand greift nach seiner Uhr.

"Wie spät ist es?"
"Es ist noch nicht an der Zeit."
"Bald wird es dunkel."
"Früher konnte man hier schwimmen. Jetzt kümmert sich ja keiner mehr."
"Sie müssen frieren."
"Hier habe ich meine Frau das erste Mal geküsst. Gleich da vorne. Nachts waren wir schwimmen. Immer. Nach glühend heißen Tagen."
"Sie muss ihnen fehlen."
" Die Erinnerung stirbt nicht."

Wieder schaut er auf die Uhr.

"Haben Sie noch einen Termin?"
"Ich darf nicht zu spät kommen."
"Das ist eine schöne Uhr"
"Sie war ein Geschenk."
"Sieht wertvoll aus."
" 19 Uhr am See, sagte sie. Nicht, dass du zu spät kommst ,sagte sie. Nimm Handtücher mit, sagte sie."
"Ihre Frau?"
"Meine Liebe."
"Etwas kalt um zu schwimmen, möchte ich meinen."
"Du verstehst mich nicht."
"Erklären sie es mir"
" Ich habe es ihr versprochen."
"Aber verzeihen Sie mir dass ich es so sage, ihre Frau ist tot. Sie wird nicht kommen."

Er prüft die Uhrzeit.
Das Ziffernblatt steht auf Sieben Uhr.

"Die Uhr ist stehen geblieben."
"Aber mein Herz nicht. So komme ich immer pünktlich. So kommt sie immer pünktlich. Sie ist hier weil ich es bin."
"Eine Uhr die nichts nützt. Dazu kommt dass der See gefroren ist. Das ist alles sehr seltsam."
" Nein. Du bist nur sehr vergesslich."
"Ist das so?"
" Du weißt das Winter ist. Wieso weißt du dann nicht dass der Winter wieder gehen wird? Dass der Frühling kommt? Mein Frühling. Das der Sommer kommt. Mein Sommer. Unser Sommer.Ich habe es ihr versprochen. Ich kann nicht aufhören es zu halten nur weil sie tot ist.Ein Teil von mir ist mit ihr gestorben. Aber ein Teil von ihr lebt auch in mir weiter. Und auch eine stehengebliebene Uhr geht zweimal am Tag richtig."
"Das tut mir alles sehr Leid für Sie. Wie traurig."
"Traurig?"
"Entschuldigen Sie, ich wollte nicht..."
"Mein Junge. Bete dafür, dass du eines Tages hier stehst. Bete dafür dass du dieses unbeschreibliche Glück haben wirst wie ich es hatte. Dass du so ein Mädchen findest. Dies ist keine Trauer. Dies ist kein Wehklagen, kein Bedauern. Dies ist eine Erinnerung. Dies ist Freude. Dies ist Dankbarkeit."

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Samstag, 5. März 2016
Regen
Regen. Er mochte dieses Gefühl. Bei Regen am Fenster zu stehen und den morbiden Rauch der Zigarette zu inhalieren als wäre er sein Leben. Ins Nichts zu starren, den kondensierenden Atem zwischen den Zügen mit Qualm zu vermischen. Tanzen zu lassen. Er sog diese melancholische Stimmung auf, denn erst seine Anwesenheit machte dieses Schauspiel perfekt, eine Verschmelzung der inneren Wehklage. Jeder Tropfen eine Seele, eine Hoffnung die prasselnd am Boden zerschellte. Auf dem Schreibtisch häuften sich die Blätter, die meisten davon waren jungfräulich Weiß. Es war ihm egal, dass er derzeit eine Schreibblockade hatte, denn was war überhaupt noch wichtig? Am offenen Fenster zu stehen, nach draußen zu blicken, Rauch ein- und auszuatmen und darauf zu warten dass einer der Tropfen ihn treffen und reinwaschen möge. Von allem. Mehr nicht. Viele, viele Geschichten hatte er bereits verfasst, jedoch nie geplant, sie trafen ihn urplötzlich und er musste sich damit beeilen, sie auf Papier festzuhalten bevor sie seinen Fingern wieder entglitten und in den Wirren einer dunklen Ecke seines Kopfes verblassten. Meist vermied er es, seinen Figuren Namen zu geben, denn er fand, dass diese Personifizierung genau das Gegenteil bewirkte. Ist erstmal ein Name gefallen, so werden Charaktere anonym, denn es ist ja nun der Charles, der Jack oder der William, ein eigenständiges Individuum auf das man mit dem Finger zeigen kann. So nimmt man dem Leser jede Chance der Empathie, mitunter sogar der Selbsterkenntnis, der Karthasis. Man darf niemandem die Illusion nehmen, dass es sich in dem Text genau um die Person handelt, die ihn gerade liest. Ein Spiegel. Geschrieben hatte er bereits seit Wochen nicht mehr. Er war mal sehr erfolgreich mit seinen Werken und konnte sich durch sie ein mehr als ordentliches Leben leisten, mit einem großen Grundstück und einem großen Haus. Dieses große Haus beengte ihn nun und er hielt sich hauptsächlich in den oberen Etagen auf. Einst gab es hier Leben.
Die alten Dielen knarzten als er sich vom Fenster weg hin zum Schreibtisch begab. „Totes Holz“ dachte er sich. Er ließ sich in den Sessel sinken. Die Ellenbogen auf dem Tisch, stützte er das Gesicht in seine Hände. Er spürte die rauen Borsten die sein Gesicht zierten. Seit Tagen hatte er sich nicht mehr rasiert. Mal wieder. Er saß einfach nur da und gab sich diesem Gefühl der völligen Leere, das gleichzeitig mit dem Wunsch loszurennen einherging, hin. Wie von selbst wanderte seine Hand zur Schreibtischschublade. Widerwillig ließ sie sich stotternd öffnen. Der Anblick der sich ihm darin bot erfüllte ihn stets mit einer Mischung aus Unbehagen, Angst und Beruhigung. „Scheiße“ dachte er und wuchtete die Schublade zu.
Von dem Fenster hier oben konnte man das Grundstück der Nachbarn einsehen. Und sogar nun, bei diesem Regen, spielte der kleine Nachbarsjunge im Garten. Er saß auf der alten Holzschaukel und bewegte seine Beine in einem stetigen Rhythmus vor und zurück und gewann immer mehr an Schwung. Das Vogelhaus das er einst mit dem Jungen und seinem Sohn gebaut hatte stand schräg dahinter. Viel Zeit hatten sie mit den Nachbarn verbracht, Sonntage zusammen im Garten gesessen, gegrillt und dabei die Kinder beobachtet. Aber als es hart auf hart kam, fühlte er sich im Stich gelassen. Als es passierte fühlte er sich allein. Nicht dass sie je die Chance gehabt hätten irgendetwas zu tun oder ihm in dieser Lage zu helfen, denn wer könnte das schon. Aber nun war er verlassen.
Nur selten verließ er sein Haus, und wenn, dann deckte er sich mit Konserven auf Wochen hinaus ein. Meistens machte er sich nicht einmal die Mühe sie zu erhitzen oder auf irgendeine Art zuzubereiten. Ansonsten bestanden seine Einkäufe hauptsächlich aus Whiskey und Zigaretten.
„Bengel“ dachte er sich, als der kleine Junge hinauf winkte, und wandte den Blick vom Garten der Nachbarn ab. Eigentlich hatte er den Kleinen immer gern gehabt. Schließlich war er selbst mal Vater eines kleinen Jungen gewesen. Nun hatte er niemanden mehr gern, nicht den Nachbarsjungen, nicht sonst einen Menschen, aber am aller wenigsten sich selbst. Das war nicht immer so. Früher war das anders. Aber da war er noch da. Und sie. Damals war er ein „Wir“. Nun wusste er nicht einmal mehr wer er überhaupt war.
Die Post bestand hauptsächlich aus Mahnungen und Werbung, die er immer zu öffnen vermied. Manchmal zündelte er ein bisschen mit seinem Feuerzeug an den Briefen herum um sich daran seine nächste Zigarette anzuzünden und dachte sich dabei „Das habt ihr Wichser jetzt davon.“ Diesmal war es anders. Jemand hatte einen schlichten, weißen Briefumschlag für ihn eingeworfen. Kein Name, keine Adresse, kein Absender. Nichts. „So kriegt ihr mich nicht rum. Wollt mich wohl für dumm verkaufen. Aber ich lass mich nicht verarschen.“ Er beschloss ihn zu vernichten. Zwischen zwei Whiskeys wollte er ihn eigentlich gerade als Zigarettenanzünder verwenden, entschied sich im letzten Augenblick jedoch anders und warf ihn in die Schreibtischschublade. In die Schreibtischschublade. Vielleicht war es eine spontane Eingebung, vielleicht einfach der steigende Alkoholgehalt in seinem Blut, der ihn diese Entscheidung treffen ließ.
Wie oft schon sah er diesen grellen Lichtblitz auf sich zurasen, als er mit dem Auto in die Gegenfahrbahn geriet. Wie oft hörte er den Knall, spürte den heftigen Ruck, bevor sein Bewusstsein aussetzte. Wie oft sah er sich im Krankenhaus zu sich kommen, sah fremde Menschen die trauernde Mienen aufsetzten und ihm auf möglichst schonende Art und Weise beizubringen versuchten, dass seine Frau und sein Sohn den Unfall nicht überlebten. Immer und immer wieder, jeden Tag aufs Neue wurde ihm klar dass sein Leben zerrissen wurde, umgewuchtet durch das Schicksal. Es dauerte lange Zeit bis er verstand was die Worte „Für immer“ in Wirklichkeit bedeuteten. „Wieso zur Hölle habt ihr mich gerettet?“ fragte er sich immer wieder. Er wusste, dass dieses Gefühl, das ihn von nun an im Würgegriff hielt nie wieder loslassen würde. Und mit der Zeit fasste er einen Entschluss.
„Ich komme nach“ der Satz der sich in seinen Kopf brannte. „Ich lass euch nicht alleine.“ Dies waren seine Rechtfertigungen vor sich selbst, die seine Entscheidung begründeten aus dem Leben zu treten, außer Acht lassend wem damit geholfen war und ob er damit überhaupt im Sinne seiner verstorbenen Frau handelte. Und so ging er auch an diesem Abend rüber zur Schreibtischschublade. Nur dass er diesmal gewillt war seinen Entschluss auch in die Tat umzusetzen. Er riss sie auf, schmiss den kleinen Zettel mit der Aufschrift „Heute Nicht“, den er sich einst dorthin gelegt hatte, beiseite und griff nach dem Revolver. Das surrende Kreisen der Trommel, auf das das metallische Klicken des Revolverhammers folgte bezeugten, dass nun alles angerichtet war. Er spürte den kalten Lauf an seiner Schläfe. Es roch nach Öl. Dann hielt er inne. Denn etwas interessierte ihn noch. Er legte die Waffe auf den Tisch und zog den Briefumschlag aus der Schublade. Er riss ihn mit zittrigen Händen auf und lehnte sich gegen die Wand.
Lieber Herr Wagner
Ich habe mich gefragt wieso sie so oft alleine zuhause sind. Früher waren sie oft bei uns. Mama und Papa sagen, dass es im Moment nicht sehr leicht für sie ist und dass sie oft traurig sind, weil Bea und Max gestorben sind. Ich bin auch oft traurig deswegen. Aber ich möchte dass sie wissen, dass sie jederzeit zu mir nachhause kommen können, wenn sie sich alleine fühlen. Ich weiß dass ihre Frau und ihr Sohn uns dann oben von einer Wolke aus zusehen werden und sich mit uns freuen. Max hat so oft von Ihnen gesprochen. Er wollte immer mal werden wie Sie, wenn er groß ist. Vielleicht spielen wir ja mal wieder Tischtennis zusammen.
Ihr Lukas
P.S.: Auf der Rückseite ist ein Bild
Mittlerweile war er an der Wand entlang auf den Boden geglitten. Sein Herz pochte. Als er den Brief umdrehte regten sich seit langer Zeit so etwas wie Emotionen in ihm. Mit Wachsmalern gezeichnet sah er sich selbst, seine Frau und seinen Sohn auf eine grüne Wiese unter einen Kirschbaum gekritzelt. Dahinter stand das Vogelhaus dass sie einst gebaut hatten. In der rechte unteren Ecke stand, kaum zu entziffern, „Von Lukas“. Nicht schlecht für einen 7-Jährigen dachte sich Herr Wagner, bevor es endlich aus ihm herausbrach. Er zerriss den Zettel auf dem „Heute Nicht“ stand leerte die Revolvertrommel, so dass die Patronen klirrend zu Boden fielen. Nie hätte er gedacht, dass er mal von einem Kind gerettet werde würde. Aber jeder kann ein Held sein. Es ist erstaunlich, wie wenig es braucht um einem Menschen zu zeigen, dass die Welt nicht untergegangen ist. Und dann befreite er sich. Er befreite sich von innen heraus. Alles was sich angestaut hatte, brach nun in Wellen aus ihm heraus. Er schluchzte, schrie, sank von einem Fleck zum anderen, wankte, fing sich, griff wie ferngesteuert nach seinen Zigaretten und schritt hinüber zum Fenster. Wie Regen der aus den Augen tropft, dachte er sich. Regen. Er mochte dieses Gefühl. Bei Regen am Fenster zu stehen und den morbiden Rauch der Zigarette zu inhalieren als wäre er sein Leben. Ins Nichts zu starren, den kondensierenden Atem zwischen den Zügen mit Qualm zu vermischen. Tanzen zu lassen. Er sog diese melancholische Stimmung auf, denn erst seine Anwesenheit machte dieses Schauspiel perfekt, eine Verschmelzung der inneren Wehklage.

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Freitag, 4. März 2016
Ein neues Heim
"Hier vorne gleich rechts, oder nicht? Haben die alle kein Zuhause? Der Feierabendverkehr macht mich verrückt. Ausgerechnet zur Stoßzeit. Ich sage dir: Zu Fuß wären wir schneller gewesen. Mir war es viel lieber als du noch bei mir gewohnt hast."

Er schaut zum Beifahrersitz.

"Lach nicht mein Schatz. Ist doch so."

Ungewollt presst sich ein Lachen zwischen seinen Lippen hervor.

"Tut mir leid, lach ruhig. Ich rege mich doch immer umsonst auf. Du kennst das mittlerweile ja von mir. Mittlerweile ist gut nicht wahr? Nach 6 Jahren. Du weißt doch dass ich dein neues Zuhause nicht besonders mag. Aber weißt du wieso ich mich damals in dich verliebt habe? Genau, wegen Tinky und Winky."

Zuerst hatte es sie irritiert, dass er ihren Brüsten Namen gab, mit der Zeit hatte sie sich daran gewöhnt, bis sie aus irgendeinem Grund anfing es zu mögen.

"Haha, ich hab' dich drangekriegt! Jetzt mal im Ernst."

Er schaut zu seiner Rechten.

"Es war dein Lachen. Dein Zuckersüßes Lachen. Wie deine Augen dabei verschwinden und zu tiefbraunen Halbmonden werden. Haha und deine Grimassen.Genau. Streck mir nicht die Zunge raus, hörst du!"

Nachdenklich schaut er nach vorne.

"Es fehlt mir so sehr Morgens neben dir aufzuwachen. Du weißt doch, dass ich morgens nie aus dem Bett komme. Ich habe schon fünf Mal verschlafen, obwohl du erst seit 6 Wochen weg bist. Der Huwald hat mich vielleicht zur Sau gemacht. Der olle Glatzkopf."

Wieder schaut er zum Sitz neben sich. Er seufzt.

"Ja, ja, ich weiß, ich weiß. Alles hat mal ein Ende, hast du gesagt. Aber hey, ich bin immer noch hier, oder nicht? Dann fahren wir halt zu dir. Dann komme ich dich halt besuchen. Hast du nun davon. Vielleicht hat es ja auch etwas Gutes.Dann muss ich wenigstens nicht immer aufräumen und sauber machen, damit sich die feine Dame wohlfühlt."

Er zwinkert mit dem rechten Auge und schickt einen Luftkuss auf die Reise.

"Und schau mal, wie fein ich mich gemacht habe. Extra für dich. Das Hemd hast du doch damals ausgesucht, weil es dir so an mir gefiel. Selbst meinen Bart habe ich mir für dich abrasiert. Ich sah aus wie ein verwegener Gangster aus den 30ern. Haha, lach nicht, selbst du kannst das nicht leugnen!"

Er fährt sich mit der Hand über die glatten Wangen.

"Ich könnte mich so aufregen. Wo wollen die denn alle hin? Wären wir gelaufen, wären wir schon drei Mal da. Hey, entschuldige. Du weißt dass ich mich ja insgeheim doch freue, dass wir zu dir fahren, auch wenn ich das niemals zugeben würde. Geduld ist eine Tugend, oder wie war das noch gleich?"

Verlegen schaut er nach unten und wiegt den Kopf leicht hin und her.

"Ich habe dir Sonnenblumen gekauft. Schließlich wollen wir dir dein neues Zuhause ja schön einrichten, nicht wahr? Du liebst sie ja so sehr. Ich konnte das noch nie verstehen. Die sehen aus als wollten sie etwas beweisen. Oder die anderen Blumen einschüchtern, so groß sind die. Die klauen den anderen Blumen ihr Pausengeld und zwingen sie die Hausaufgaben für sich zu machen. Haha, schon gut reg dich ab ich mach doch nur Spaß."

Er schmunzelt.

"Und welcher Mensch mag ernsthaft Lakritz? Schmeckt wie Hustensaft und von den Resten, die an den Zähnen kleben bleiben, kannst du dich noch 3 Tage danach ernähren. Ich weiß, dass du es magst. Aber ich fragte welcher Mensch? Haha, lass dich doch mal ein bisschen ärgern, meine kleine Schmollbacke. Keine Angst ich hab dir eine Tüte gekauft. Aber am Ende isst du sie ja doch nicht."

Er trommelt mit den Fingern auf dem Lenkrad.

"Achja stimmt. Die bauen hier ja um. Kein Wunder dass man nicht voran kommt. Zig Wochen, bauen sie die Straße um, oder aus, oder eher ab, wie es mir manchmal vorkommt. Und am Ende sieht trotzdem alles aus wie vorher."

Eine Weile ist es still. Das Auto bahnt sich seinen Weg.

"Ich hab gehört, dass ein neuer Asiate in der Stadt aufgemacht hat. So ein Vietnamesen-Imbiss. Vielleicht wäre das ja mal was für zwischendurch? Haha, wie du weißt bin ich nicht der beste Koch."

Das Auto fährt auf einen Parkplatz. Es hält an.

" Na sieh mal einer an, sind wir etwa schon da?"

Freudig schaut er zum Sitz neben sich.

"Haha guck mal, wer sich da freut. Ja lach doch mal für mich, Süße. Haha ging doch ganz schnell. Ich weiß gar nicht wieso du dich die ganze Zeit so aufgeregt hast. Haha, Nein Spaß. Du weißt dass ich den Verkehr nicht ausstehen kann."

Er klatscht einmal in die Hände.

"Weißt du, irgendwie ist es hier ja doch ganz schön. Schließlich ist es ja dein neues Heim. Die Lage ist wirklich gut. Es ist echt ruhig hier. Mir gefällt die Ruhe. Die Ruhe, ja das muss es sein, die Ruhe. Die Ruhe..."

Das Lächeln schwindet langsam aus seinem Gesicht. Er blickt gedankenverloren nach vorne.

"Obwohl. Ich denke das stimmt nicht. Denn am meisten vermisse ich deine Stimme. Es fehlt mir dass du nicht mehr mit mir sprichst. Aber naja, wozu noch lange warten, jetzt da wir endlich angekommen sind? Dann wollen wir mal, nicht wahr?"

Seine Stimme bricht. Sein Kopf sinkt auf das Lenkrad. Er schließt die Augen. Er atmet tief ein. Er atmet tief aus. Er holt Luft. Seine Hand zittert leicht, als er nach rechts zum Beifahrersitz greift und von dort die Sonnenblumen und die Lakritztüte aufhebt. Er steigt aus dem Wagen. Er streicht sein Hemd glatt. Seine Augen füllen sich mit Tränen. Trotzdem schreitet er aufrecht und entschlossen durch das Friedhofstor.

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